Bei uns in Ostösterreich hat am Montag die Schule wieder begonnen. Wie jedes Jahr, stellt sich hier bei uns die Frage: wie kommen unsere Kinder zu mehr Bewegung? Denn: in den letzten Jahren wurden sukzessive Schulportstunden gestrichen. Auch unsere Kinder sitzen schon  viel zu viel! 

Auf der anderen Seite kann man in einer aktuellen Tageszeitung darüber lesen, dass auch unsere Kinder immer übergewichtiger werden und sich dies natürlich negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. Überdies berichten mir Kinderärzte,  dass die Motorik unseres Nachwuchses immer schlechter wird, denn: die meisten Kindern klettern zu wenig, dürfen sich zu wenig „ausprobieren“.

Aus zahlreichen Untersuchungen wissen wir aber: Ausreichende Bewegung hat auch auf die Konzentrationsfähigkeit unserer Kinder einen großen Einfluss.

Im heutigen Gastartikel berichtet  die Montessori-Pädagogin Ilse Maria Lechner vom Entfaltungsparadies über die Bedeutung von Bewegung im Kindesalter. Danke Ilse, für den tollen Beitrag – und vergessen wir Erwachsene bitte nie, mit gutem Beispiel voran zu gehen: viele der von Ilse vorgestellten Anregungen und Übungen kannst Du gemeinsam mit Deinem Liebling durchführen.

Kinder brauchen Bewegung!

Durch Bewegung nehmen Kinder sich selbst wahr, erfahren ihre Umgebung und lernen, indem sie buchstäblich be-greifen. Mit Erklärungen können vor allem kleine Kinder noch nicht viel anfangen – im Gegensatz zu den Erwachsenen.

„Die Erwachsenen verstehen nie etwas von selbst. Alles muss man ihnen erklären.“
Antoine de Saint-Exupéry

Ein Säugling kommt mit über 100 Milliarden Nervenzellen auf die Welt. Die Nervenzellen können allerdings erst aktiv werden, wenn sie mit mindestens einer anderen Nervenzelle verbunden sind. Diese Verbindungen nennt man Synapsen und sie entstehen durch äußere Reize, die auf das Gehirn ausgeübt werden. Im Fall eines Säuglings sind das Dinge, die er hört, sieht oder spürt.

Babys erfahren sich selbst und ihre Umwelt tastend und greifend. Genau diese Reize brauchen sie auch, um sich gut zu entwickeln. Bewegung hilft den Nervenzellen des Säuglings untereinander Verbindungen zu schaffen. Je mehr Verbindungen geschaffen wurden, desto besser.

Einen sehr informativen Artikel über die Entwicklung im Mutterleib und danach findest du hier.

Wir wissen heute, dass Baby bei der Selbstberührung und dem Betasten von Objekten so viel mehr lernen, als es scheint.
Sie lernen die Hand-Auge-Koordination, eine Fähigkeit, die sie im Laufe des Kleinkindalters immer mehr perfektionieren.
Sie erfahren ihr Körperschema. Das heißt sie nehmen sich über die Berührung, den Druck und das Saugen selbst wahr. Sie merken: „Oh, das gehört auch zu mir.“ Das kannst du gut beobachten, wenn Babys mit den eigenen Füßen spielen.

Entwicklung nicht drängen …

In den ersten Jahren entwickeln sich vor allem der Tastsinn, die Tiefensensibilität und der Gleichgewichtssinn. Diese Sinne sind für die Kinder später noch von großer Bedeutung. Ohne einen gut entwickelten Gleichgewichtssinn kann ein Kind nicht gehen lernen.

Leider haben es viele Eltern im Kleinkindalter eilig. Sie können es nicht erwarten, bis ihr Kind den nächsten Entwicklungsschritt macht. Dabei übersehen sie, dass jeder dieser Entwicklungsschritte die Basis für den nächsten ist.
Es hat alles seinen Sinn. Die Bauchlage und das Krabbeln schult die Rücken- und Nackenmuskulatur und bereitet so auf das Gehen lernen vor. Genau darum ist es nicht gut, Kinder in Laufwagerln zu setzen.

… aber fördern

Du kannst dein Kind in seiner Entwicklung fördern, indem du es in seinem natürlichen Bewegungsdrang unterstützt. Grundsätzlich bewegen sich die meisten Kinder gerne.

Bei Babys kann schon das Greifen in Bauchlage Anreiz genug sein. Da reicht schon ein roter Ball, um neue Nervenverbindungen zu schaffen.

Natürlich gibt es auch hier Unterschiede im Charakter. Während das eine Kind nicht hoch genug schaukeln kann, fürchtet sich das andere schon bei normaler Höhe. Es gibt Kinder, denen kein Baum hoch genug ist, andere kämen gar nicht auf die Idee, die Anstrengung des Kletterns auf sich zu nehmen.

Deine eigene Einstellung zur Bewegung ist dabei aber entscheidend. Denn Kinder machen erstens alles nach und zweitens spüren sie, wenn die Eltern Angst haben und übernehmen diese Angst. Trau deinem Kind ruhig etwas zu. Helicopter-Parenting hindert Kinder in der Bewegungsentwicklung 😉

Bewegung und Gehirnentwicklung

Die Bewegungsentwicklung hängt eng mit der neuralen und kognitiven Entwicklung zusammen.

Das klingt jetzt etwas sperrig. Vereinfacht heißt es: Bewegung schult das Gehirn und erleichtert das Lernen!

Ob du es jetzt glaubst, oder nicht, es hilft deinem Kind ungemein für den (späteren) Schulalltag, wenn du es zur Bewegung anregst. Viele Fertigkeiten, die dein Kind in den Kleinkindjahren lernt, bewirken so viel mehr, als das Erlernen dieser Fertigkeit. Sie bilden gleichzeitig die Basis für andere Tätigkeiten.

Schulreife

Es gibt bestimmte Kriterien, die ein Kind bei Schuleintritt erfüllen sollte. Dazu gibt es einen ganzen Katalog von Fähigkeiten, die Kinder beherrschen sollten. Spannenderweise gibt es immer weniger Kinder, die diese Fähigkeiten im Alter von 6 Jahren mitbringen. Ich bin davon überzeugt, dass die vielzitierten, mangelnden Schulleistungen und der Niveauabfall auch damit zu tun haben, dass unsere Kinder in Bezug auf Bewegung und Geschicklichkeit nicht mehr so gefördert werden.

Zusammenhänge von Bewegung und Schulalltag bzw. Lernen

Jetzt erzähle ich dir einfach ein paar Dinge, die wichtig sind und auch wofür dein Kind sie braucht.

Körperspannung

Damit Kinder den anstrengenden Schulalltag überstehen, sollte ihr Körper in einer guten Verfassung sein. Das beginnt mit einer gut ausgebildeten Rückenmuskulatur, die es ihnen ermöglicht ruhig und aufrecht auf dem Sessel zu sitzen. Wir alle kennen diese Kinder, die mehr auf dem Tisch liegen, weil ihre Körperspannung einfach noch nicht gut genug ausgeprägt ist.
Das führt aber wieder dazu, dass der Blick auf die Tafel nicht ideal ist. Sie nehmen die Inhalte nicht so gut auf, ihr Schriftbild lässt meist zu wünschen übrig … und schon setzt sich ein Teufelskreis in Gang.

Hand-Auge-Koordination

Mit einer gut ausgebildeten Hand-Auge-Koordination tun sich Kinder nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Basteln, Schneiden mit der Schere und beim Handarbeiten leichter. Sie können einfach genau nachverfolgen, was ihre Finger tun und haben das auch unter Kontrolle.

Bewegungen über die Körpermitte

Bewegungen über die Körpermitte, wie sie zum Beispiel beim Flechten, Spiegel putzen oder bei einigen Kinesiologie-Übungen gemacht werden, stärken die Verbindung zwischen den Gehirnhälften.

Die linke Gehirnhälfte ist vor allem für die motorische Sprachumsetzung, für abstrakte Begriffe, die Messung kleiner Zeitabstände und die Unterscheidung von Details der Wahrnehmung zuständig.
Die rechte Gehirnhälfte ist eher für die sprachliche Melodie und für die Subtexte zuständig. Hier machen wir uns Bilder.
Die absolute Verteilung links ist Logik und rechts ist Kreativität ist aber eine Verallgemeinerung die so nicht stimmt. Unser Gehirn ist ein ganz wunderbares Organ. Wenn es notwendig ist übernimmt ein Bereich die Aufgabe des anderen.

Zwischen diesen Gehirnhälften liegt die sogenannte Pons, die Brücke. Sehr vereinfacht gesagt kannst du dir das so vorstellen: Bewegungen über die Körpermitte oder beidseitige Bewegungen regen beide Gehirnhälften an und helfen so, neue Verschaltungen zu bilden.

Genau aus diesem Grund können Bewegungsübungen bei Konzentrationsproblemen eine große Hilfe sein.

Sich hängen lassen

Viele Kinder lieben es auf den Ringen, einer Stange oder dem Ast eines Baumes herumzuturnen und dabei auch mal mit dem Kopf nach unten zu hängen. Ihre Welt steht buchstäblich Kopf. Das fördert nicht nur die Muskulatur, sondern auch das räumliche Vorstellungsvermögen. Ein Wissen, auf das dein Kind später in der Geometrie zurückgreifen kann.

Wenn dir also das nächste Mal das Herz stehen bleibt, denk auch dran, was du deinem Kind Gutes tust, wenn du nicht einschreitest.

Außerdem wird auch hier wieder die Rückenmuskulatur geschult und das Kind lernt auch ausdauernd zu sein und seine Grenzen zu respektieren. Es weiß, wenn die Kraft nachlässt, droht es hinunterzufallen. Somit wird es seine ganzen Kräfte aufbringen, um sich zu halten.

Hierzu hat mir eine liebe Bekannte eine süße Geschichte erzählt. Sie hat ein Seminarzentrum und ihre 3-jährige ist natürlich in Haus und Garten unterwegs. Eines Tages hörte sie die Tochter lautstark rufen. Die Rufe kamen aus dem Garten, aber das Kind war nicht zu sehen. Es stellte sich heraus, dass die Tochter auf dem achteckigen Klettergerüst auf die Kletterwand geklettert war. Diese ist dem Haus abgewandt. Nun drohten sie die Kräfte zu verlassen und sie rief nach Hilfe. Zum Festhalten reichte die Kraft noch allemal!

Rückwärts gehen

Auch koordinatorische Übungen wie Rückwärtsgehen beinhalten mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Wusstest du, dass sich Kinder, die nicht rückwärtsgehen können schwer tun, von einer Menge etwas abzuziehen, also zu subtrahieren? Es fehlt ihnen das körperlich erfahrene Bild.

Bewegungskontrolle

In einigen Kindergärten lernen die Kinder das „Gehen auf der Linie“. Diese Form der Bewegung hilft ihnen, die eigene Bewegungskontrolle zu perfektionieren. Sie schulen dabei die Geschicklichkeit und erfahren auch, dass sie durch kleine Änderungen der Muskelspannung auf ihren Körper einwirken können. Dadurch erfahren sie Selbstwirksamkeit. Das heißt, sie können etwas beitragen, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen und sind nicht äußeren Einflüssen ausgeliefert.

Bewegung und Raumerfahrung

Wenn du kleine Kinder beobachtest, die in einen Turnsaal kommen so werden diese Kinder bald beginnen, im Raum herumzulaufen und zu schreien und zu quietschen. Das machen sie nicht deshalb, damit den Erwachsenen das Trommelfell platzt 😉 , sie erkunden dadurch den Raum. Der Schall hilft ihnen wahrzunehmen, wie groß ein Raum ist. Du kannst dir das so vorstellen: Wenn du auf einer Tanzfläche stehst und die Bässe sind sehr laut, dann kannst du das im Bauchbereich spüren. Kinder „spüren“ also so die Größe des Raumes.

Koordination und Bewegung

Eine wunderbare Übung, die so viele Bereiche schult, ist das Schnur springen. Dabei wird das Gleichgewichtsgefühl trainiert, das Kind bekommt Kondition und auch die Hand-Auge-Koordination wird wieder geschult. Und das Kind hat ein direktes Feed-back und kann sich selbst kontrollieren. Wenn es etwas falsch macht, dann bleibt es in der Schnur hängen oder die Schnur schlägt irgendwo am Körper an. Wenn es das Schnurspringen erlernen will, wird es sich durch diese Fehler nicht entmutigen lassen und lernt damit auch noch etwas sehr Wertvolles für die Zukunft: „Fehler gehören zu einem Lernprozess dazu, aber ich bin dabei nicht machtlos. Ich kann Kleinigkeiten so verändern, dass es dann plötzlich doch klappt.“

Praktische Umsetzbarkeit

Natürlich könnte ich jetzt noch ganz lange weiterschreiben, aber ich glaube, du hast einen guten Eindruck bekommen und weißt jetzt wie wichtig Bewegung für dein Kind ist. Bei vielen Dingen ist es übrigens nicht notwendig, dass du dein Kind im Sportverein anmeldest. Die alltägliche Einbindung der Bewegung bringt ungleich mehr und ist gar nicht kompliziert.

Allein schon wenn du dein Kind in den Haushalt einbeziehst und es bei der Hausarbeit mitmachen lässt, ihm beibringst eine Türe geräuschlos zu schließen, den Sessel nach dem Essen zurückzustellen, beim Geschirrabtrocknen mitzuhelfen und so weiter, ist schon viel getan.

Wenn ihr gemeinsam einen Sonntagsausflug macht, nützt doch die Zeit und balanciert über Steine oder einen umgefallenen Baumstamm. Ermuntere dein Kind auch mal auf einem Bein zu hüpfen.

Habt ihr einen Garten, dann ist ein Trampolin ein Spielplatz von unschätzbarem Wert.

Beatrice hat auch einige gute Übungen für Mutter und Kind und legt auch immer großen Wert darauf, dass die Kinder – wenn sie das wollen – auch einbezogen werden können.

Mein Angebot an dich

Zum Schluss habe ich jetzt noch ein Angebot an dich. Am 2. Oktober startet wieder mein Online-Workshop „Hotel Mama schließt!“. Hier erfährst du, wie du Kinder ganz einfach in den Haushalt einbeziehen kannst und was sie dabei lernen. Du erhältst Unterstützung und deine Kinder kommen in Bewegung!

Speziell für die Leserinnen von Beatrice biete ich einen einmaligen Rabattcode an. Mit diesem Rabattcode bekommst du den 3-wöchigen Workshop um € 199,00 statt um € 229,00. Der Rabattcode lautet: Bewegung und ist bis zum 16.09.2016 um 00:00 Uhr gültig.

 

Über die Autorin:

Ilse Maria Lechner unterstützt Familien dabei, den Alltag gelassen zu gestalten. Ihr liebevoller Blick gilt dabei den Müttern, die oft die Hauptlast der Familienorganisation tragen. Durch ihre Erfahrung als Montessori-Pädagogin hat sie viele Anregungen parat, wie sich diese Last auf alle aufteilen lässt, sodass am Schluss alle davon profitieren.

 

PS:  Wenn es bei Dir im Rücken immer wieder einmal zwickt und zwackt… Dann komm doch am Mittwoch, den 7. September in meine Facebook Gruppe Fit durchs ganze Jahr“  wir sprechen über das Thema: Probleme an der Lendenwirbelsäule 

 

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